Mit Büchern ist es wie mit Kindern, irgendwann kommt der Moment, ab dem sie für sich selbst einstehen müssen. Eigentlich ist dann jedes Wort überflüssig. Mir scheint, das wäre heute ein solcher Moment. Zu Recht freilich wird mir jeder Mensch, der etwas von Marketing versteht, heftig widersprechen. Trotzdem. Und trotzdem komme ich um ein paar Bemerkungen nicht herum.
Von grundsätzlicher Wichtigkeit war und ist für mich die Vielstimmigkeit des Buches. In Vertretung für die vielen Beteiligten, die heute nicht genannt werden können, möchte ich deswegen den Kolleginnen und Kollegen sehr herzlich danken, die das Buch durch ihre gehaltvollen Beiträge bereichert haben. Astrid Nielsen lieferte einen historischen Exkurs zur Denkmalkunst und stellte die Arbeiten Wieland Schmiedels in das zeitliche Umfeld der ostdeutschen Bildhauerei. Teresa Ende denkt über die allgemeine und spezielle Bedeutung von Fragment und Torso in der Kunst Wieland Schmiedels nach. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen wiederum entdeckt im menschlichen Maßstab den verbindenden Bezugspunkt für gesamteuropäische Bildhauerei der in den 1940er und 50er Jahren geborenen Künstler. Schließlich weitet der Philosoph Antonio Roselli den Blick, indem er die vielfache Ausgesetztheit der Kunst öffentlichen Raum zum Thema macht, auch deren Vergänglichkeit, die sie uns so ähnlich macht und in der wir kaum noch geübt sind. Danke an alle!
Tatsächlich geht die Idee für eine umfänglichere Darstellung von Wieland Schmiedels Werk noch in die Zeit vor seinem unerwarteten Tod im Mai 2021 zurück. Dass es sich dann thematisch auf die Arbeiten im öffentlichen Raum und dort insbesondere die konzentrieren würde, die der Erinnerung an die Verbrechen und Grauen der deutschen Nazi-Diktatur gewidmet sind, hatte wohl vor allem damit zu tun, dass wir alle das Gefühl hatten, durch Wielands Tod eine künstlerische, moralische aber vor allem menschliche Instanz für dieses nach wie vor schwierige Feld verloren zu haben. Und so ist es ja auch.
Dass das Buch über die Zeit der Arbeit unter der Hand, ohne dass wir vom Plan abwichen, auf beängstigende Weise immer mehr an Aktualität gewinnen würde, haben wir dabei nicht vorausgesehen. Ganz allgemein hatte ich im Konzeptpapier im Januar 2022 geschrieben, dass uns Wieland Schmiedel ein bildhauerisches und grafisches Werk hinterlässt, dessen Bedeutung weit über dessen unbestritten hohen künstlerischen Rang hinausgreift in Fragen um das historisch verantwortliche Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft der Gegenwart. Ich hatte nicht erwartet, dass dieses „historisch verantwortliche Selbstverständnis“ auf eine Weise perforiert und entstellt wird, wie wir das heute vielfach und in ganz verschiedener Couleur erleben müssen.
Erinnerung, das ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Angelpunkt des ganzen Buches. Wieland Schmiedel begriff eine intakte, kritisch sich hinterfragende, von Empathie für das Gegenüber getragene Erinnerung als tatsächlich existentielle Voraussetzung für das Überleben der menschlichen Kultur. Den Brandgeruch des Zweiten Weltkrieges auf der Kinderhaut, zählte er sich zu den glücklich Davongekommenen. Das Abarbeiten dieses Glücks geriet ihm zu einer lebenslangen Passion. Der sogenannte öffentliche Raum war der adäquate Ort für diese freie und nach angemessenen Mitteln forschende künstlerische Erinnerungsarbeit, mit der er sich selbst, aber natürlich auch seine Mitmenschen, immer wieder herausgefordert hat, -fern jeder ideologischen Rhetorik angesiedelt, jedoch sehr oft mit schmerzlich insistierender Dringlichkeit. Es ist nicht nur bemerkenswert, sondern in gewisser Weise folgerichtig, dass zahlreiche seiner Arbeiten in dieser Öffentlichkeit bis heute Anfeindungen ganz verschiedener Art ausgesetzt sind. Bloßer Vandalismus ist die sichtbarste davon, die verbal erklärende, „gut gemeinte“ Ergänzung oder die bloße Vernachlässigung eine andere, die Letzteren, weil in gewisser Weise „offiziell“, vielfach schleichend im Vollzug, sozusagen unter der Hand, vielleicht gefährlicher als der offenbare, physische Angriff.
Auf den drei ersten Seiten des Buches finden Sie zwei Fotos, die Wieland Schmiedel während Konzeptionsarbeiten für ein Gestaltungsprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald im Jahr 1982 zeigen, ein Projekt, das im Jahr darauf durch die Intervention des Kulturministers der DDR abgebrochen worden ist. Wir sehen Wieland Schmiedel, der ein neben ihm stehendes, etwa zwei Meter hohes Kantholz hält. Später im Buch zeigt ihn ein Foto direkt vor dem Haupteingang des ehemaligen Lagers, seitlich ein Paar, das sich von ihm entfernt, hinter ihm, schon hinter dem Gitter des Lagertors, eine Gruppe von Leuten, von denen wir nur ihre Rücken sehen können. Das könnte auch die Szene einer Performance sein.
Ich weiß nicht mehr, ob der Titel, den wir dem Buch schlussendlich gegeben haben, vor oder nach der Entdeckung der mir bis dahin unbekannten Fotos entstanden ist. Die tiefgreifende Ambivalenz des Titels jedoch ist mir tatsächlich erst jetzt wirklich bewusst geworden, als ich diesen kurzen Text tippte. Ein Zeichen ist eben nicht nur ein Achtungszeichen oder ein Zeichen, das warnt oder erinnert, sondern natürlich zeichnet es zugleich einen konkreten Ort. Dieser Ort ist dann nicht nur bezeichnet, sondern zugleich gezeichnet, mit einem Zeichen, zum Beispiel als Ort eines Verbrechens, einer Schande, eigener oder fremder. Das Zeichen gibt keine Antwort, es hält keine Lösung parat, es verharrt am Ort, sein menschlicher Maßstab und sein Beharren macht es unumgänglich. Es bleibt virulent, ich meine, wie die Zeichen Wieland Schmiedels, die er uns in beeindruckender Wahrhaftigkeit zu geben vermocht hat.
(Rede zur Präsentation des gleichnamigen Buches und der Eröffnung einer Ausstellung in der
Rönkendorfer Mühle in Crivitz am 6. Juni 2026)